Das Projekt Zoetrope (PDF) klingt so ziemlich nach dem Interessantesten, was die Welt der Suchmaschinen in letzter Zeit zu bieten hatte. Wie schon das Internet Archive soll Zoetrope die Möglichkeit schaffen, Veränderungen von Websites über Zeit nachzuvollziehen. Jedoch macht das Interface von Zoetrope einen wesentlich spannenderen Eindruck. So soll es z.B. möglich sein, einzelne Bereiche einer Seite mit einer „Linse“ einzurahmen und anhand eines Sliders durch die Veränderungen in genau diesem Bereich zu spulen. Daneben werden eine Reihe von Informationen angezeigt, die zu der jeweiligen Version vorliegen. Außerdem lassen sich die Veränderungen der Daten im zeitlichen Vergleich und im Vergleich zwischen Seiten visualisieren:
Die Einführung der zeitlichen Dimension in die Interfaces der Online-Suche ist längst überfällig, denn auf der Seite der Algorithmen ist sie seit langem vollzogen. Durch die kontinuierliche Archivierung des Index, der Linktopologie und der Nutzerdaten verfügt z.B. Google über eine Datengrundlage, in der sich eine ganze Reihe von zeitlichen Dynamiken und Trends ermitteln lässt. Wie in den entsprechenden Patenten nachzulesen ist, werden aus diesen Daten zudem zeitlich basierte Relevanzmodelle erstellt, die in das Ranking einfließen. Zum Beispiel wird eine Seite, bei der über längere Zeit keine Veränderungen festgestellt werden, als „stale“ definiert, was je nach Suchanfrage positive oder negative Konsequenzen für das Ranking haben kann.
Leider hat Google bisher wenig Interesse daran gezeigt, diese zeitliche Dimension auch für die Nutzer zu erschließen. Aufgefallen ist mir dies zum ersten Mal als ich den Add-on Customize Google installiert habe und plötzlich neben jedem Suchergebnis einen (völlig logischen) Link zum Internet Archive vorfand. Das intuitive Interface von Zoetrope ist daher ein sehr willkommener erster Schritt in Richtung besserer Interaktionsmöglichkeiten mit der zeitlichen Dynamik des Internets.
Jenseits der spielerischen Qualitäten erscheint mir dieser Entwicklung aus zwei Gründen besonders interessant: Zum einen könnten hier für die Wissenschaft (und die Hobby-Wissenschaft) neue Möglichkeiten entstehen, Entwicklungen im Netz über längere Zeiträume nachzuvollziehen. Für die Nutzer der Online-Suche könnten solche Tools zum anderen eine eigenständigere und transparentere Informationsbeschaffung ermöglichen. Denn wenn eine Seite automatisch als Spam klassifiziert wird, weil sie in einem bestimmten Zeitraum zu viele neue Links erhalten hat, so sollten doch zumindest die Nutzer denselben Einblick in das zugrunde liegende Datenmaterial erhalten wie die Algorithmen.
Der Vorschlag von Alan Liu, auf den ich schon einmal hingewiesen hatte, für Wikipedia-Artikel ein visuelles „pathologisches Profil“ zu erstellen und Nutzer in der Interpretation solcher Visualisierungen zu schulen, erscheint mir in dieser Hinsicht weiterhin viel versprechend. Vielleicht bieten Ansätze wie Zoetrope Nutzern zukünftig Werkzeuge, um das „pathologische Profil“ von Websites schnell und effektiv erfassen zu können und so in größerem Maß selbst entscheiden zu können, wo sie nach relevanten und vertrauenswürdigen Informationen suchen wollen.
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