New Network Theory Amsterdam

Am Wochenende war ich bei der New Network Theory-Konferenz in Amsterdam. Eine sehr interessante Tagung mit erfreulich guten internationalen und interdisziplinären Beiträgen. Die Stimmung war entspannt und gleichzeitig konzentriert, die Technik funktionierte, der Kaffee war lecker – mehr kann man sich kaum wünschen.

Um den Begriff „Netzwerk“ gruppieren sich eine ganze Reihe von Disziplinen und Vorstellungen – von der physikalischen und soziologischen Netzwerkanalyse über die politische Praxis bis hin zur (hier sehr stark vertretenen) Medientheorie. Einigkeit darüber, was unter einem Netzwerk zu verstehen ist, scheint zunächst einmal nur in einer Hinsicht zu bestehen: Es gibt Knotenpunkte und es gibt Verbindungen zwischen diesen Punkten. Dann gehen allerdings die Fragen auch schon los. Hier eine kleine Übersicht über die frequenteren Fragestellungen:

1. Der Status des Netzwerkbegriffs

Ist „Netzwerk“ eine theoretische Metapher, die über Assoziationen hilft, (Medien-)Theorie in neue Bahnen zu lenken, ist es ein methodologisches Modell, dass bestimmte empirische Aussagen ermöglicht oder soll mit dem Gebrauch des Begriffs „Netzwerk“ eine ontologische Aussage getroffen werden?

2. Die Verbindung

In der empirischen Netzwerkanalyse werden Verbindungen zumeist binär ermittelt: entweder es besteht eine Verbindung oder nicht. Wo bleibt dabei die qualitative Bestimmung einer Verbindung? Lassen sich empirische Methoden der Netzwerkanalyse um qualitative Aspekte erweitern? Inwiefern gelingt es der Theorie, die Qualität von Verbindungen mitzudenken?

3. Temporalität

Netzwerkanalysen tun sich zumeist schwer damit, einen dynamischen Prozess abzubilden, sie schaffen eher ein statisches Bild eines bestimmten Zustands. Welche Möglichkeiten gibt es (sowohl auf der theoretischen als auch auf der rein visuellen Ebene), Dynamik im Netzwerk abzubilden? Geht es um die Prozesse, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in ein Objekt eingeflossen sind? Oder um eine Darstellung fortlaufender Dynamik? Wie lässt sich eine solche Untersuchung forschungspraktisch umsetzen, entsteht hier ein Widerspruch zwischen der Gründlichkeit der Forschung und dem schnellen Wandel des Untersuchungsobjekts?

4. Innen/Außen

Gibt es etwas außerhalb oder im Zwischenraum zwischen den Knotenpunkte und den Verbindungen eines Netzwerks? Etwas, worin das Netzwerk eingebettet ist? Wo sind die Grenzen eines Netzwerks und wie lassen sich diese Grenzen theoretisch bzw. methodologisch begründen?

5. Macht/Kritik?

Wie entsteht Macht in Netzwerken? Wie lässt sich Macht als Netzwerk denken? Wie verhält sich der radikale Empirizismus mancher Netzwerktheoretiker zu den politischen Ansprüchen einer kritischen Theorie?

Es konnte wohl nicht ausbleiben, dass einige Präsentationen an dem Versuch scheiterten, all diese Fragen in einem 20-Minuten-Vortrag gleichzeitig beantworten zu wollen. Trotz aller theoretischer Brillanz hinterließen diese oftmals mehr Verwirrung als Erleuchtung. Interessanter waren für mich daher die Vorträge, die sich konkreter in den Nahkampf mit bestimmten Fragen begaben und erste Wege in neue Richtungen erkundeten.

Ein (für mich) unerwartetes Highlight war in diesem Sinne der Vortrag von Thomas Berker zum Thema Leiden in Netzwerken. Grundfrage der Präsentation war, wie es gelingen kann, eine nicht-triviale und sinnvolle Beschreibung von Leiden im Rahmen einer Netzwerktheorie zu schaffen. Berkers Vortrag zielte auf eine nicht-essentialistische Definition von Leiden ab, die nicht nach Ursachen außerhalb des Netzwerks sucht. Ausgehend von einer radikalen Relationalität, inspiriert durch spätere Formen der Akteur-Netzwerk-Theorie, soll Leiden durch mehr oder weniger stabile Verknüpfungen innerhalb des Netzwerks beschreibbar gemacht werden. Am Bild einer Favela, die an eine reiche Wohngegend angrenzt, erläuterte Berker diesen Ansatz: Auf der reicheren Seite finden sich wesentlich stabilere sozio-technische Verbindungen, wodurch bessere Planbarkeit herrscht und Prozesse reibungsloser ablaufen können. Das sozio-technische Netzwerk auf der ärmeren Seite ist durch Instabilität und mangelnde Konnektivität gekennzeichnet, daher herrscht hier größere Unsicherheit. Aufgabe der Forschung wäre unter anderem, die Verbindungen zwischen diesen beiden Netzwerken näher zu untersuchen, beispielsweise in Form von Arbeitern aus der Favela, die in der reicheren Gegend in prekären Verhältnissen arbeiten. Besonders interessant schien mir an diesem Ansatz die Möglichkeit, das Problem der Macht aus der entgegengesetzten Richtung anzugehen, indem man nicht die Ausübung von Macht, sondern den Effekt von Macht zum Ausgangspunkt der Analyse macht. Vielleicht tun sich hier Möglichkeiten auf, die Frage der Kritik innerhalb der Akteur-Netzwerk-Theorie neu zu formulieren.

Ähnlich interessant waren in dieser Hinsicht die Ausführungen von Bernhard Rieder, der sich näher mit der Frage der Kausalität in Netzwerken auseinandersetzte, sowie die Präsentation von Mirko Tobias Schäfer, der anhand von Sloterdijks Schaummetapher problematische Aspekte des Netzwerkbegriffs aufzeigte. Ulises Ali Meijas versuchte den „nodocentrism“ der gegenwärtigen Netzwerktheorie zu überwinden, indem er mit dem Konzept des „paranodal“ den Zwischenraum zwischen den Knotenpunkten und Verbindungen näher in den Blick nahm.

In praktischer Hinsicht war ein Vorschlag von Alan Liu sehr interessant. Als Antwort auf die Frage, wie aus Sicht der akademischen Lehre mit Wikipedia-Verweisen umgegangen werden soll, schlug er „social markup“, „social datamining“ und „policing by mashup“ vor. So ließe sich zu jedem Wikipedia-Artikel in Echtzeit ein visuelles „pathologisches Profil“ generieren. Indem so die Editing-Historie des Texts auf einen Blick erfassbar gemacht wird, wäre eine wesentlich verbesserte Grundlage für die Einschätzung der Textqualität gegeben. Eine weitere interessante Idee kam in Richard Rogers Präsentation zum Thema Zensur zu Sprache: eine Firefox-Extension, die anzeigt, in welchen Ländern die aktuell angezeigte Website zensiert ist. Insgesamt schien es, als werde der visuellen Darstellung von Daten in Form von mapping, mashups usw. von vielen Seiten ein wachsendes politisches Potenzial zugesprochen.

Mehr über den Inhalt der Konferenz und jede Menge Fotos gibt es bei den Live-Bloggern der Masters of Media.

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