Bericht vom acatech-Symposium in Berlin

Nach eineinhalb Wochen komme ich nun endlich mal dazu, vom acatech-Symposium in Berlin am 31.5. zu berichten. Im @-web-Newsletter gab es schon eine ausführliche Besprechung der technischen Neuerungen in den geplanten „Suchmaschinen von morgen“. Interessant waren allerdings auch die politischen Diskussionen, die dort geführt wurden.

Der Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen (Uni Konstanz), Autor des sehr guten Beitrags „Macht Google autonom“ im Buch „Die Google-Gesellschaft“, heizte durch manchen provokanten Kommentar die Diskussion an. Google sei keine Such- sondern eine Marketingmaschine, außerdem sei es aufgrund der starken Konzentration an der Zeit, über eine „Zerschlagung“ der Monopolstrukturen nachzudenken. Vom Vertreter des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), Wolf-Dieter Lukas, erntete Kuhlen für diese Ansicht keine Zustimmung – er sah im Gegenteil keinerlei Handlungsbedarf. Stattdessen lobte Lukas den Unternehmergeist der Google-Gründer und stellte fest, dass diese bisher alles richtig gemacht hätten. Woraufhin er sich den Vorwurf gefallen lassen musste, das BMBF entwickele sich von einer Bildungs- zu einer Wirtschaftsförderungsinstitution. Im Verlauf der Diskussion wurde deutlich, dass sich Kuhlens Argumentation hauptsächlich auf den Bereich der wissenschaftlichen Informationen bezog. Angesichts der zunehmenden kommerzielle Verwertung wissenschaftlicher Informationen, die ursprünglich durch öffentliche Förderung entstanden sind, sprach er von einer Verknappungssituation, die sich durch eine Erweiterung von Open Access-Modellen entschärfen ließe.

Interessant war in diesem Zusammenhang auch der Vortrag des Soziologen Rudi Schmiede von TU Darmstadt. Seine Frage, ob wir auf dem Weg in die „Google-Gesellschaft“ sind, bejahte er, allerdings mit einigen neuen begrifflichen Anordnungen. So sprach Schmiede sich dafür aus, im Bereich der Suchmaschinen den Begriff der Medienkompetenz durch den der Urteilskraft zu ersetzten, da so eine breitere Sicht auf die Konsequenzen von Googles Definitionsmacht möglich wird. Er bemängelte die unzureichende Ausbildung, auch im journalistischen Bereich, die eigentlich auf eine Stärkung der individuellen Urteilskraft abzielen müsse. Im Bereich der Technikentwicklung müsse zudem die Autonomie der Individuen Zielvorgabe sein und daher stärkeres Gewicht auf anthropozentrische Technikgestaltung gelegt werden.

Es war sehr erfrischend, auf einer so hochkarätig besetzten und perfekt durchorganisierten Tagung einmal so deutliche Kontroversen zu erleben – auch wenn letztendlich die geplante Umsetzung der technischen Projekte im Vordergrund stand und wahrscheinlich auch stehen wird.

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About Theo Röhle

Theo Röhle ist Promotionsstudent im Fach Medienkultur an der Universität Hamburg. Sein Dissertationsvorhaben mit dem Arbeitstitel „Dispositiv Google“ geht der Frage nach, inwiefern bisherige medienwissenschaftliche Machtkonzepte im Fall der Suchmaschinen ihre Gültigkeit beibehalten.