Der internationale Big Brother Award der Datenschutzorganisation Privacy International wurde Anfang Mai an ChoicePoint vergeben. Im Wettbewerb um den Titel „Most invasive company“ hat die Auskunftei damit sogar Google aus dem Rennen geschlagen.
ChoicePoint (Motto „smarter decisions, safer world“) verfügt über eine der umfangreichsten Sammlungen persönlicher Daten in den USA. Durch die Übernahme von über 70 kleineren Firmen hat ChoicePoint seit 1997 eine Datenbank aufgebaut, die über 19 Milliarden öffentliche Dokumente enthält. Auf dieser Grundlage werden nicht nur Vermieter, Vereine und Versicherungen, sondern auch über 7.000 Polizei- und Regierungsorganisationen in aller Welt mit Daten versorgt. Von Kreditauskünften über Führungszeugnisse bis hin zu ausführlichsten Dossiers lässt sich bei ChoicePoint so gut wie jede Information über jeden US-Bürger bestellen. Aufsehen erregte die Firma zuletzt 2005, als sich herausstellte, dass jahrelang sensible persönliche Daten an dubiose Kunden weitergegeben wurden, ohne deren Legitimität angemessen zu prüfen. Die Firmengeschichte bietet aber noch eine Reihe weiterer interessanter Episoden.
Im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 2000 wurde die ChoicePoint-Tochterfirma Database Technologies in Florida mit der Zusammenstellung einer Liste verurteilter Verbrecher beauftragt, die aus dem Wählerregister gestrichen werden sollten. Die Liste war so schlecht recherchiert, dass schätzungsweise 8.000 Menschen, darunter hauptsächlich Afroamerikaner, ihr Wahlrecht verloren – also wesentlich mehr als die 537 Stimmen, die über George W. Bushs Sieg entschieden. Eine nachfolgende Untersuchung kam jedoch zu dem Schluss, dass ChoicePoint nicht für die Panne verantwortlich gemacht werden konnte, da die Wahlbehörden selbst unzureichende Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatten.
Mit der Tochterfirma Bode Labs verfügt ChoicePoint über das größte private kriminaltechnische Labor in den USA. Diese Tatsache erscheint von daher bemerkenswert, da es ChoicePoint-CEO Derek Smith ein besonderes Anliegen ist, perspektivisch auch DNA- und Biometrie-Informationen kommerziellen Akteuren zur Verfügung zu stellen. Er spricht sich sowohl für obligatorische DNA-Test für Ausländer bei der Einreise in die USA aus, als auch dafür, dass Eltern ihre Kinder bei einer DNA-Bank registrieren sollten. Über die Gründe sprach er 2002 in einem Interview mit der Zeitschrift Georgia Trend: „I have this incredible passion to create a safer world. […] It’s the mothers of this country who are wrestling with threats, who feel their nest has been violated. I want to talk about ways to restore a sense of security to the home, the family and the community.“ Durch DNA und Biometrie will Smith die definitive Verkopplung von Person und dazugehöriger Information erreichen – und damit einen zweiten elften September unmöglich machen.
Im Januar 2006 wurde ChoicePoint von der Federal Trade Commission zu einer Strafe von 10 Mio. Dollar verurteilt – die größte Zivilstrafe in der Geschichte der Kommission. Beanstandet wurde, dass die Sicherheit persönlicher Daten nicht gewährleistet war. Ein New York Times-Artikel beschreibt wie ChoicePoint auf die Kritik reagiert hat. So sollen vor allem die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden sein, indem nun die Legitimität der Kunden genauer überprüft wird und der Abruf von Daten kontinuierlich auf Auffälligkeiten hin untersucht wird. Auch werden die sensibelsten Daten wie die komplette Sozialversicherungsnummer nicht mehr an kleinere Kunden wie Privatdetektive ausgegeben. Außerdem wurde mit der Seite www.choicetrust.com eine Möglichkeit geschaffen, eigene Daten einzusehen und gegebenenfalls zu korrigieren.
Der Artikel hebt auch die sonstigen Goodwill-Aktivitäten der Firma hervor. Zum Beispiel wird Vereinen angeboten, zu verbilligten Konditionen zu prüfen, ob Job-Bewerber als Sexualstraftäter registriert sind. Außerdem sollen durch die Daten der Firma schon Hunderte vermisster Kinder wieder aufgefunden worden sein. Tenor der Image-Kampagne: Andere Auskunfteien halten es mit der Vertraulichkeit der Daten noch viel schlimmer. Angeblich sollen die meisten Datenschützer in den USA durch die verschiedenen internen Veränderungen mittlerweile milde gestimmt sein. Allerdings spricht die nun erfolgte Vergabe des Big Brother Awards eine andere Sprache.
Interessantes Detail am Rande: Der Konzern ReedElsevier, in der Wissenschaft wohl am ehesten als Verlagsgruppe bekannt, zählt mit seiner Tochtergesellschaft LexisNexis in den USA zu den Hauptkonkurrenten von ChoicePoint im Handel mit personenbezogenen Daten.
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